Fussball Thesen

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WM 2019 – Was bleibt?

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von Ellen Hanisch


Vorbei die Zeiten, in denen Sportlerinnen sich brav ihr Altherrenküsschen auf die Wange abholen und in der Holzklasse zurück in die mässig interessierte Heimat fliegen.

Die beste WM aller Zeiten – diese Fussballthese hat sich bewahrheitet. Frankreich 2019 hat alle Erwartungen übertroffen. 1 Milliarde Zuschauer*innen weltweit, TV-Rekorde u.a. in Brasilien, England, den USA und den Niederlanden. Diese Weltmeisterschaft hat den Frauenfußball in eine neue Sphäre katapultiert.

Weltmeisterinnen zur richtigen Zeit

Fans, die gemeinsam mit ihrem Team “Equal pay, equal pay!” rufen. Selbst, wenn Martina Voss-Tecklenburgs Frauen Weltmeisterinnen geworden wären – undenkbar in Deutschland. Für die US-Amerikanerinnen scheint dieser Tage hingegen alles möglich. Sie bleiben sich treu. Wie schon während des gesamten Turniers positionieren sie sich weiterhin klar gegen die Diskriminierung von Minderheiten und gegen den Rassismus des eigenen Staatsoberhaupts.

Und die Welt hört zu. Megan Rapinoe – beste Spielerin der WM und Gewinnerin des goldenen Schuhs – ist mittlerweile auch nicht fußballffinen Menschen ein Begriff. Rapinoe ist ein globaler Superstar. Sie nutzte die Aufmerksamkeit, um ein Statement gegen Hass abzugeben. Ihre Teamkameradinnen rissen Exemplare der Klageschrift gegen den US-amerikanischen Fußballverband in Stücke und ließen die Papierfetzen wie Konfetti vom Wind davontragen.

Vorbei die Zeiten, in denen Sportlerinnen sich brav ihr Altherrenküsschen auf die Wange abholen und in der Holzklasse zurück in die mäßig interessierte Heimat fliegen. Auf Nationalteamebene hat der Frauenfußball 2019 den Schritt in den Mainstream geschafft. Es liegt an den Verbänden, dieses Momentum zu nutzen und für volle Stadien in der Heimat zu sorgen.

Der entscheidende Schritt

“Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt.” Ohne den viralen Werbespot eines Sponsors wäre die Berichterstattung über die deutsche Nationalmannschaft und über die gesamte WM wahrscheinlich mau ausgefallen. Mittlerweile kennt die Nation die Namen. Der DFB muss dafür sorgen, dass das so bleibt.

Er muss dafür sorgen, dass Länderspiele nicht mehr mittags in Städten angepfiffen werden, deren Einwohner*innen nicht einmal wissen, dass die Spiele stattfinden. Er muss dafür sorgen, dass die Bundesliga komplett professionalisiert wird und diese professionelle Liga dann vermarkten.

Und auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, die erst ab dem Viertelfinale alle WM-Spiele im linearen TV zeigten, müssen sich fragen lassen, warum die Flyeralarm-Bundesliga kein fester Bestandteil ihrer Sportsendungen ist.

US-europäische Dominanz

Doch die Weltmeisterschaft hatte nicht nur positive Entwicklungen zu verzeichnen. Der Fakt, dass ab dem Viertelfinale eine US-europäische Dominanz vorherrschte, lenkt die Aufmerksamkeit auf die asiatischen, afrikanischen und süd- und mittelamerikanischen Fußballverbände.

Verbände, die ihre Frauenteams zwei Jahre kein einziges Spiel bestreiten lassen, ihnen Trainingslager verweigern und sie in abgelegten Trikots der Männermannschaften spielen lassen, gehören von der FIFA empfindlich abgestraft. Die hat allerdings bis heute keine Schutzmaßnahmen, um den sexuellen Missbrauch von Spielerinnen zu verhindern und erlaubt dem iranischen Verband weiterhin, Frauen von Männerfußballspielen auszuschließen.

Was bleibt?

Wir haben ein Turnier der Extraklasse gesehen. Es bleiben Erinnerungen an herausragende Spiele, unglaubliche Tore und Torwärtinnen, die ihre Gegenspielerinnen zur Verzweiflung trieben. Ausgefallene Torjubel, harte Zweikämpfe, Emotionen. Die WM 2019 hatte alles, was die Fans sich gewünscht haben.

Verabschieden müssen wir uns nur von VAR – die Spielerinnen bleiben. In ihren Ligen und in ihren Vereinen. Es ist auch an uns, sie nicht wieder für 4 Jahre in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Ellen Hanisch