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Vorrundenfazit Teil I: Überraschend ausgeglichen

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von Ellen Hanisch


Starke Torhüterinnen, volle Stadien, eine Menge Elfmeter und Weltrekorde – die ersten 12 Spiele der WM-Vorrunde hatten es in sich. Nie war eine Weltmeisterschaft der Frauen so ausgeglichen und spannend.

Gruppe A: Nervenstarke Favoritinnen

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Auf den Schultern des französischen Nationalteams lastete vor dem Eröffnungsspiel gegen Südkorea der übliche Druck eines WM-Gastgeberlandes. Da die Französinnen zudem mit als Titelfavoritinnen gelten, waren die Erwartungen an Corinne Diacres Team ungleich höher. Ohne mit den Wimpern zu zucken, fertigten Les Bleues die harmlosen Südkoreanerinnen um Ji So-yun und Cho So-hyun mit 4:0 ab – der höchste Sieg in einem WM-Eröffnungsspiel seit 1991.

Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend: Wendie Renard. Zwei äußerst platzierte Kopfballtore machten sie zur Spielerin des Spiels. Kapitänin Amandine Henry und die erst 22-jährige Delphine Cascarino spielten wie von einem anderen Stern. Eugénie Le Sommer erzielte das schnellste Tor in einem WM-Eröffnungsspiel.

Im zweiten Spiel in Gruppe A untermauerte Norwegen seine Rolle als ernstzunehmender Gegner Frankreichs im Kampf um den Gruppensieg. Gegen furios startende Nigerianerinnen fielen alle drei Tore Norwegens in der ersten Halbzeit – dabei war das 3:0 ein Eigentor der zunehmend überforderten Super Falcons. Chelsea-Neuzugang Guro Reiten und Ex-Wölfin Caroline Hansen setzten Lisa-Marie Utland mit beeindruckender Zielstrebigkeit in Szene. In Gruppe A nahmen die Favoritinnen ihre Rolle an.

Gruppe B: Zittersieg und ein umstrittener Elfmeter

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Der WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft geriet eher wackelig. Gegen ein kämpferisches China, das die Grenzen des Erlaubten mehrfach überschritt, wies vor allen Dingen die Abwehrkette um Sara Doorsoun und Marina Hegering zum Teil erhebliche Schwächen auf. Die Einwechslung des Essener Youngsters Lena Oberdorf zur zweiten Halbzeit beruhigte die Lage allmählich. Spielerin des Spiels: Giulia Gwinn. Mit einem Traumtor sorgte sie in der 66. Minute für von vielen deutschen Fanherzen fallende Steine. Das Ziel Gruppenerster ist mit einem Zittersieg gegen China um 3 Punkte näher gerückt.

Im Abendspiel der Gruppe B schoss Thembi Kgatlana Banyana Banyana gegen Spanien in Führung – und die Fußballwelt auf den Kopf. Zwar hatte Jorge Vildas Mannschaft 72 Prozent Ballbesitz, war vor dem gegnerischen Tor allerdings zu harmlos. Erst zwei Elfmeter, die Jennifer Hermoso sicher verwandelte, brachten die Spanierinnen zurück ins Spiel. Der zweite Elfmeter und der daraus resultierende Platzverweis waren zugleich die bisher umstrittensten Schiedrichterentscheidungen der WM und zeigen, dass VAR kein Garant für die korrekte Einschätzung einer Spielsituation ist.

Gruppe C: Alles ist möglich

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Entgegen fast aller vorherigen Einschätzungen geriet die Nr. 6 der Weltrangliste gegen die Nr. 15 ins Straucheln. Im bisher dramatischsten Spiel der Vorrunde betrafte Italiens Ausnahmestürmerin Barbara Bonansea die fahrlässige Chancenverwertung Australiens mit einem Doppelpack. Zuvor hatte Sam Kerr die Matildas per Foulelfmeter in Führung geschossen. Im weiteren Spielverlauf tauchte die 25-Jährige dann aber ab. Die Italienerinnen spielten hartnäckig und unbeirrt zahlreicher Abseitsstellungen nach vorne. In der 95. Minute erlöste Bonansea ihr Team und sorgte nach fast 20-jähriger WM-Abstinenz für ein erfolgreiches Comeback der Azzurre.

Jamaica ist der Underdog der Underdogs. Besonders in Deutschland genossen die Reggae Girlz viele Sympathien, schließlich ging es im ersten Gruppenspiel gegen die hierzulande traditionell nicht gerade beliebten Brasilianerinnen. Die zeigten ohne Weltfußballerin Marta von Beginn an ein überragendes Spiel.

Auch bei ihrer 7. Weltmeisterschaft war die 41-jährige Formiga Dreh- und Angelpunkt des brasilianischen Spielaufbaus. Christiane schoss sich als älteste*r Spieler*in mit einem Hattrick bei einer Weltmeisterschaft in die Geschichtsbücher. Die Reggae Girlz setzten über Khadija “Bunny” Shaw einige gefährliche Konter. Dank einer herausragenden Leistung ihrer erst 19-jährigen Torwärtin Sydney Schneider blieb es beim 0:3.

Gruppe D: Historischer Punktgewinn

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Von allen Turnierfavoriten hatten die Lionesses das schwerste Auftaktspiel. Und von allen Turnierfavoriten hinterließen sie den besten Eindruck. Gerade in der ersten Halbzeit zeigte England ein überragendes Kombinationsspiel, die rechte Seite war mit Lucy Bronze und Nikita Parris eine Augenweide. Bereits zur Pause stand es 2:0 für Phil Nevilles Elf.

Die Schottinnen kämpften sich in der zweiten Halbzeit ins Spiel zurück und konnten durch ihre beste Spielerin Claire Emslie den Anschlusstreffer erzielen. Das Spiel blieb bis zum Ende hochspannend und die Atmosphäre im Stadion war bisher eine der schönsten.

Jede Weltmeisterschaft hat sie. Zähe, ereignislose Spiele, die nicht enden wollen. Dass Argentinien gegen Japan so ein Spiel werden würde, hätte vor der WM wohl kaum jemand gedacht. Für die Argentinierinnen war das 0:0 eine kleine Sensation. Es ist ihr erster Punktgewinn bei einer Weltmeisterschaft. Obendrein wurde ihre Kapitänin Estefania Banini zur Spielerin des Spiel gekürt.

Japan enttäuschte hingegen gegen den vermeintlich leichtesten Gegner der Gruppe D. Die Nadeshiko wirkte ideenlos und rannte 92 Minuten gegen das argentinische Abwehrbollwerk an.

Gruppe E: 1:0

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Beim Spiel Kanada gegen Kamerun waren die Rollen klar verteilt. Kanada agierte und Kamerun reagierte. Trotzdem stand es am Ende nur 1:0 für beeindruckend aufspielende Kanadierinnen. Bereits kurz vor dem Halbzeitpfiff wuchtete Kadeisha Buchanan den erlösenden Kopfball in die Maschen. Christine Sinclair spielte wie üblich unauffällig, aber stets bereit, ihr 182. Länderspieltor zu erzielen.

Kameruns Mittel der Wahl waren lange Bälle über das kanadische Mittelfeld hinweg. Erfolglos. Les Lionnes Indomptables lebten erst mit der späten Einwechslung ihres Stürmerstars Gaëlle Enganamouit auf. Sie änderte nichts mehr am Endergebnis.

Chancen über Chancen auf beiden Seiten. Das erste Gruppenspiel der Europameisterinnen aus den Niederlanden gegen Neuseeland geriet zu einem Festival der vergebenen Torchancen – unterhaltsam und frustrierend zugleich. Am Ende war es die eingewechselte Jill Roord, die den Tausenden mitgereisten Oranje-Leeuwinnen-Fans Grund zum Jubeln gab. Neuseeland war ein Gegner auf Augenhöhe und könnte in Gruppe E noch für Aufsehen sorgen.

Gruppe F: Weltrekord

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Eine Einwechslung machte den Unterschied. Nachdem Schweden 70 Minuten lang einen Spielzug schöner als den anderen auf Claudia Endlers Tor gespielt hatte – und regelmäßig an der starken Torwärtin scheiterte – wurde das Spiel witterungsbedingt unterbrochen. Nach Wiederanpfiff brachte Peter Gerhardsson Madelen Janogy. Von da an hatte das schwedische Spiel das, was ihm zuvor fehlte. Kosovare Asllani sorgte für das 1:0 und Janogy elf Minuten später mit einem schönen Solo für den Endstand von 2:0.

Die Chileninnen zeigten eine starke Defensivleistung und haben mit Claudia Endler eine der in diesem Turnier bisher so vielen überragenden Torhüterinnen zwischen den Pfosten.

Bereits vor dem Spiel liefen Wetten, wie hoch der Sieg der USA gegen Thailand wohl ausfallen würde. Der Weltmeister kam, sah und schoss Tore. Allen voran Alex Morgan, deren fünf Treffer aus diesem einen Spiel schon für den Gewinn des Goldenen Schuhs reichen könnten. Das 13:0 ist der höchste Sieg der Weltmeisterschaftsgeschichte. Gleichzeitig ist er ein Spiegelbild für die schlechten Bedingungen, unter denen viele Frauen-Teams weltweit leiden. Sich trotzdem für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren, verdient Anerkennung.

Fazit

Weltmeisterlich: England, Frankreich, Brasilien und die USA

Stark: Kanada, Norwegen und Schottland

Überraschungsteams: Italien, Argentinien und Neuseeland

Enttäuschend: Japan, Australien und China

Rekorde: Le Sommer mit dem schnellsten Tor in einem WM-Eröffnungsspiel, Argentinien mit dem ersten Punktgewinn bei einer Weltmeisterschaft, Thembi Kgatlana mit dem ersten WM-Tor für Banyana Banyana, Formiga als älteste Spielerin aller Zeiten und mit den meisten WM-Teilnahmen,Christiane als älteste*r Spieler*in mit einem Hattrick und die USA mit dem höchsten WM-Sieg aller Zeiten

Ellen Hanisch